Hauptmenü
Bücher > Ein Stein reist durch die Zeit
Luthers erste Reise zur Macht
Im Frühjahr 1505 tobte ein Gewitter, das seinesgleichen suchte, über Erfurt, einer ansehnlichen Stadt im Thüringer Becken. Ein Blitz nach dem anderen zerpflügte für Bruchteile von Sekunden die finsteren Wolkengebilde, aus denen unaufhörlich schwerer Regen prasselte. Donner und Sturm tönten um die Wette, ließen einen kaum das eigene Wort verstehen.
Ein Mann eilte einsam mitten durch diese entfesselten Naturgewalten auf seinem Weg nach Hause. Er hoffte inständig, sich nicht verirrt zu haben. Ratsch!!! - Ein Blitz zerriss den Himmel und schlug mit Getöse in seiner Nähe ein. Dem Mann kam es vor, als wäre das Tor zur Hölle geöffnet worden. In Todesangst entfuhr es ihm: „Heilige Anna, hilf! Lässt du mich am Leben, so will ich Mönch werden!“
Dem Himmel sei Dank, die heilige Anna half. Und so legte am 17. Juli 1505 Martin Luther das Gelübde der Augustiner-Eremiten ab. Damit war sein Leben endgültig dem geliebten Herrn geweiht. Voller Ideale ging Bruder Martin nun in seiner Klosterzelle an das Beten, Fasten, Beichten und was der frommen Dinge mehr sind.
Doch es beschlich ihn bald ein seltsames Unbehagen. Da er mit offenen Augen und einem schlichten, volksverbundenen Herzen durch die Abtei ging, bemerkte er allerlei Absonderlichkeiten, die wenig nach seinem Geschmack waren. Zum Beispiel beobachtete er seine Brüder, wie sie zur Fastenzeit - oh Wunder! -noch mehr Speck ansetzten als das restliche Jahr über. Oder die zahlreichen, ganz und gar nicht frommen Besuche der Zisterziensernonnen aus dem Nachbarkloster ...
Auch über die Härte, mit der Bruder Romidius, der Abt, die Steuern von den Bauern eintreiben ließ, war er unglücklich. Es störte den Abt nicht, wenn er die Leute ins Elend stürzte, wenn diese eine schlechte Ernte hatten und die Abgaben schuldig blieben, sollten Frau und Kinder nicht verhungern. Ohne jedes Mitgefühl sah er zu, wie ganze Familien für immer ihr Land verlassen mussten. Es kamen eben andere Menschen, um den Boden zu bebauen. Für die geistliche Obrigkeit spielte es keine Rolle, wer die Hühner, Eier, Schweine und den Käse ablieferte, Hauptsache, es geschah.
Luther teilte seine Sorgen mit keinem seiner Mitbrüder, sondern überlegte im Stillen gründlich, was zu tun sei. Eines Tages wurde er Zeuge, wie wieder einmal eine Familie von Grund und Boden verjagt wurde. Das Bild des erbärmlichen Ochsenkarrens mit den weinenden Frauen und Kindern ging ihm lange nicht mehr aus dem Kopf. Nach der Vesper besuchte Luther Bruder Romidius und suchte das Gespräch: „Ehrwürdiger Abt, ich verfolge mit zunehmender Sorge das Verhalten unserer Bruderschaft gegenüber den Bauern. Ich frage mich, ob die Härte, mit der die Abgaben eingetrieben werden, tatsächlich im Einklang mit dem Geist Jesu steht, oder ob wir Schuld auf uns laden.“
Sein Abt sah ihn mitleidig lächelnd an, als er antwortete: „Seit den Tagen des Ungehorsams Adams und Evas im Paradies ist unser aller Schicksal mit Mühsal, Krankheit und Tod verwoben. Damit die Menschen nicht jeden Halt in ihrem Leben verlieren, und so leichtfertig dem Bösen anheimfallen, bedürfen sie unseres Rates, der geistlichen Führung. Die Abgaben sind eine kleine Gegenleistung, weil sie ja sonst nichts anderes tun können, um sich dafür erkenntlich zu zeigen.“
„Ich verstehe, Ehrwürdiger Abt, ich halte es für recht und billig, wenn wir Abgaben einheben. Trotzdem frage ich mich, ob wir nicht Wege finden könnten, die das Volk weniger in Bedrängnis bringen. Ich sah heute in die weinenden Augen von Kindern auf dem Weg in die Ferne.
Sagt mir, Bruder, war Jesus nicht immer auf Seite der Armen?“
„Es ist wie im Alten Testament mit Hiob“, antwortete der Abt, indem er die fleischigen Finger seiner Rechten auf eine Bibel legte. „Wie anders sollen diese Menschen denn ihre Demut gegenüber dem Herrn beweisen? Du sahst sie gehen, um in der Ferne zu Gott zu finden. Das ist eine Form von Buße. Du weißt nicht, was der Herr in seiner Güte für diese Menschen vorgesehen hat.
Also, Bruder, lass es gut sein und maße dir nicht an, über die Wege der Kirche zu urteilen.“
Das befriedigte Martin zwar nicht, aber er gab es auf, mit seinem Abt darüber zu disputieren. So verging die Zeit, und Luther stieg dank vorbildlicher Strenge, mit der er die Ordensregeln befolgte, allmählich in der klerikalen Hierarchie auf. Im April 1507 wurde zum Priester geweiht.
Jahrelange Überlegungen nährten in ihm den Verdacht, alle diese Missstände seien auf die große Entfernung zum Papst zurückzuführen. Seine Stimme und Wirkung reichten eben nicht aus, selbst die entfernteren Provinzen mit dem Hauch göttlicher Tugend zu erfüllen. Es traf sich gut, dass Martin eines Tages die Mission erhielt, nach Rom zu reisen. Er sollte dort im offiziellen Auftrag seines Klosters gegen die befohlene Vereinigung der strengen Observanten mit den liberaleren Klöstern protestieren. Das nahm der Bruder zum Anlass, sich im Vatikan, dem Zentrum der geistlichen Macht, an den Quellen christlicher Frömmigkeit zu laben.
1510 brach er auf und erreichte nach Monaten die Pforten der päpstlichen Burg. Nach den ersten Formalitäten wurde Martin Luther an Bruder Ägidius verwiesen, der den Augustiner-Mönch in den Gepflogenheiten des Vatikans unterweisen sollte. Bruder Ägidius stellte sich als ehemaliger Ordensbruder Luthers heraus, der just vor einem Jahr die Abtei in Richtung Rom verlassen hatte.
„Ha, Bruder Ägidius, was für eine Überraschung“, meinte Luther freudig, als er des Bruders ansichtig wurde. Auch Bruder Ägidius freute sich über das unerwartete Wiedersehen. Er wies Luther seine Zelle an und unterrichtete ihn ausführlich in den nicht gerade einfachen Hausregeln.
Am nächsten Tag nahm Martin Luther an einer Generalbeichte teil und rutschte auf dem Bauch die Heilige Treppe am Lateran hinauf, um Vergebung für seine Sünden zu erlangen.
Zwei Tage später führte Ägidius seinen Ordensbruder durch den Vatikan, so weit es ihnen erlaubt war. Als sie bei der Schatzkammer angelangt waren, sagte Ägidius: „Mein lieber Bruder Martin. Hinter diesen Türen verbergen sich Schätze, die dein Auge noch nicht erblickt hat.“
„Schätze, Reichtum?“, fragte Martin argwöhnisch nach.
„Oh ja, Bruder, unsere Kirche ist reich“, antwortete Ägidius. „Aber der wahre Reichtum der Kirche sind weder Bauten, Kunstwerke oder Münzen. Der wahre Reichtum der Kirche sind wir, ihr gläubiges Volk und das unendliche Vertrauen, das wir in die göttliche Botschaft setzen.
Aber das versteht das gemeine Volk nicht. Und so häufen sich in bester Absicht Schenkungen und Erbschaften, aber auch eingezogene Güter von Ketzern, damit diese nicht noch mehr Unheil anrichten. Ja, die Kirche hat ganze Ländereien, Kunstwerke, wertvolle Sammlungen bis hin zu schnödem Geld. Wir nehmen all das entgegen als Geste der Wertschätzung durch die Gläubigen, die wir nicht vor den Kopf stoßen wollen.
Der Heilige Vater hat in seiner Weisheit verfügt, dass diese Dinge soweit es möglich ist versperrt werden, damit niemand der Gier nach weltlichen Besitztümern anheimfalle. Nur mit einer speziellen Genehmigung unseres Papstes persönlich darf diese Türe geöffnet werden. Da wir diese nicht haben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht bekommen werden, kann ich dir diese Kostbarkeiten nicht zeigen.“
„Woher weißt du dann so gut Bescheid?“
„Weil ich das Privileg genieße, gelegentlich beim Führen der Bücher mithelfen zu dürfen. Als Entschädigung will ich dir etwas aus diesen Räumlichkeiten schenken. Wir haben es dieser Tage aus dem Bestand ausgeschieden, da sein Zweck und sein Wert unklar geblieben ist.“
Mit diesen Worten drückte Bruder Ägidius seinem Begleiter einen faustgroßen, pechschwarzen Stein in die Hand. Er erklärte, die Inquisition habe den Stein vor Hunderten Jahren bei einem Ketzer konfisziert.
„Dieser Stein soll das Band der Freundschaft zwischen uns festigen“, sagte Ägidius und sah Luther dabei tief in die Augen. Dieser bedankte sich, wie es sich gehört, ohne jedoch eine Vorstellung zu haben, was er wohl mit dem Stein anfangen könne. Dann führte Ägidius seinen Gast wieder in dessen Zelle zurück.
Kaum eine Woche war Luther nun im Vatikan, als Martin eines Nachts nicht einschlafen konnte. Unruhig ging er in seiner Zelle auf und ab. Seine heutige Audienz beim Papst ging ihm durch den Kopf. Immerhin hatte er sich seit Jahren auf eine persönliche Begegnung mit dem Oberhaupt der Kirche gefreut. Demütig hatte auch er den Ring des Papstes geküsst und dabei mit Entsetzen festgestellt, dass es ihn ekelte. Der Bruder schloß die Augen und sah mit Grausen die wächserne Hautfarbe und die blau schimmernden Adern unter der Haut vor sich. Und bei dem Gedanken an den Tausende Male geküssten Ring würgte es ihn ... Luther ging zum Fenster und öffnete es weit, es verlangte ihn nach frischer Luft.
Aber das war alles nichts gegen die Selbstgefälligkeit, die aus dem Gesicht des Papstes tropfte, wie dickflüssiger, klebriger Honig. Das sollte der Mittler zwischen den Menschen und Gott sein ..? Sein Stellvertreter hier auf Erden ..? Wie froh war der Augustinermönch gewesen, als er den Protest seines Klosters in aller Form hinter sich gebracht hatte.
Unscheinbar lag der Stein aus der Schatzkammer auf dem Tisch, neben dem Rosenkranz und einem Kruzifix. Durch das weit geöffnete Fenster drang die Abendluft herein. Sie war durchtränkt, ja geradezu geschwängert mit den verschiedenen Düften der Hecken und Gärten, untermalt mit den wollüstigen Geräuschen des nächtlichen Lebens.
Durch den streng geregelten Tagesablauf im Vatikan zerrann die Zeit wie Sand im Glas. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate und Luther wartete immer noch auf die Entscheidung des Papstes. Schon bald musste sich der Augustinermönch eingestehen, dass aus seiner Hoffnung, in Rom zu den Fundamenten echten Christentums durchzudringen, eine bittere Enttäuschung geworden war. Oft lag er wach im Bett und grübelte, warum. Auch sonst fühlte er sich nicht wohl hier. Er war ein Null und Niemand, der mehr oder weniger gnadenhalber die Erlaubnis zum Besuch und ein Dach über dem Kopf erhalten hatte. Genauso behandelte man ihn auch. Einzig Bruder Ägidius brachte ihm Wertschätzung und brüderliches Interesse entgegen.
So sehr Luther den gelehrten Disput mit seinen Mitbrüdern schätzte, so war das Leben des Klerus ein einziges Ärgernis für ihn. Hatte er doch bis vor kurzem noch geglaubt, die moralische Verworfenheit in seiner Heimat sei auf die große Entfernung zum mütterlichen Busen der Kirche zurückzuführen! Ganz im Gegenteil stellte er jetzt fest, Rom war die Hochburg der Brüder und Schwestern, die wie die Maden im Speck lebten, das Wort Christi nach Gutdünken zurechtbogen und an der wahren Botschaft Christi nicht im Mindesten interessiert schienen. Mit Zynismus und Verachtung blickten die Kirchenfürsten auf das Volk hinab, dessen Wohl und Wehe sie in keiner Weise kümmerte.
Martin Luther meinte zu erkennen, dass der Klerus dies alles treiben konnte, weil er dem einfachen Volk den Zugang zu den ursprünglichen Quellen des Glaubens verwehrte. Was die Leute hörten, war immer nur das Wort Gottes in der Deutung der Theologen und Priester, aber nie das Wort selbst. Fest nahm sich Bruder Martin vor, das zu ändern. Mit einer Ausgabe der Bibel, die in allgemein verständlichem Deutsch geschrieben und dem Volke zugänglich war, wollte er anfangen.
Nur Bruder Ägidius war Martin in dieser bitteren Zeit Trost und Halt. Zu ihm hatte sich im Laufe der Monate eine echte Freundschaft entwickelt. Er war nicht so wie die hohen Bischöfe und Kardinäle, die sich durch die Hintertüre überschminkte Dirnen kommen ließen. Nein, Bruder Ägidius war ein Bollwerk der Tugend, der lebende Beweis, dass nicht alle verdorben waren.
Eines Tages schickte sich Bruder Ägidius nach dem Abendgebet an, mit Luther spezielle theologische Erörterungen zu führen. Da die Gemeinschaftsräumlichkeiten bereits verschlossen waren, machte Luther den Vorschlag, sich in seiner Zelle zu unterhalten. Dort angekommen setzte sich Ägidius neben Martin und begann einen Disput über die menschliche Natur, und vor allem die Fallstricke, die sie für einen keuschen Mönch bereithalte. Mit diesen hatte er offenbar jede Menge Erfahrung, die er nun mit Luther zu teilen gedachte.
„Findest du nicht auch, geliebter Bruder, dass der menschliche Körper gewisse durchaus natürliche Bedürfnisse hat?“, fragte er.
„Nun ja ... Aber schon Thomas von Aquin hat dazu geschrieben ...“
„Nein, nein, ich meine nicht das, was unsere Kirchenväter dazu geschrieben haben, ich meine, ob du gelegentlich solche Bedürfnisse verspürst. Ich denke im Besonderen an das Verlangen, welches in den Schriften unserer Bibliotheken als ...Wollust bezeichnet wird ...“
„Natürlich, Bruder Ägidius, habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst geistliche Weihen keinen ausreichenden Schutz vor den Anfeindungen des Bösen bieten. Aber man muss doch dagegen ankämpfen, nicht wahr?“, meinte Martin, den ein flaues Gefühl in der Magengegend beschlich.
„Gewiß, gewiß. Aber wir sind keine Kardinäle, die sich die Dienste des niederen Volkes leisten können, wir sind auf uns selbst angewiesen. So lass uns denn gemeinsam dagegen ankämpfen, so wie es auch die meisten unserer Mitbrüder tun. In wahrer Freundschaft verbunden sind wir stärker“, forderte Ägidius ungeniert auf, indem er Martins Hand ergriff und dorthin legen wollte, wo der liebe Gott die teuflischen Teile des Menschen hat wachsen lassen.
„Und vergiss nicht“, ergänzte er, „unsere Kirche verkündet eine Frohe Botschaft, weil es uns danach besser geht.“
„Fort mit dir!!!“, brüllte Martin, packte Ägidius bei der Kutte und warf seinen ruchlosen Bruder hinaus. Mit einem Knall fiel die Türe zu, wurde sofort versperrt und mit einem Spritzer Weihwasser versiegelt. In der Tiefe dieser Nacht wurde Bruder Martin klar, dass er all seine Kräfte einsetzen würde, um seine geliebte Kirche auf den rechten Pfad zurückzuführen. Aber wie?
Zutiefst empört kehrte Luther Rom den Rücken. Er packte seine wenigen Habseligkeiten, die auch den Stein aus der Schatzkammer umfassten, und reiste ab. Wieder zu Hause zog sich Luther fortan in sein Arbeitszimmer im Südturm des Wittenberger Augustinerklosters zurück. Hier widmete er sich seinen Studien und übte sich in Buße. Den schwarzen Stein aus Rom verwendete er als Briefbeschwerer. Auf diese Weise waren die beiden die meiste Zeit zusammen.
Eines Tages bemerkte er sein römisches Andenken auf seiner Bibel liegend. Da kam Martin die Idee, mit geschlossenen Augen die Bibel zu öffnen und über dem Text zu meditieren, den er zufällig aufschlagen würde. Den Stein in der Linken, schlug er mit der Rechten die Bibel auf – und las den Vers 17 aus dem Römerbrief des Paulus: „Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.“
Schlagartig erfasste ihn der Text mit aller Macht! Gottes ewige Gerechtigkeit war also ein Gnadengeschenk, das dem Menschen nur durch den Glauben an Jesus gegeben werde. Wie eine Erleuchtung traten die Erkenntnisse in sein Leben. In der Tat war er an die Quellen christlicher Frömmigkeit gestoßen, aber auf eine Art, die er nicht erwartet hatte. Die Quelle hatte sich in seinem Herzen aufgetan und befreite ihn von seiner quälenden, jahrzehntelangen Suche. Dieser Vers wurde zum Ausgangspunkt seines neuen Schriftverständnisses, darin gründet die Reformatorische Wende, die in weiterer Folge halb Europa in ihren Bann zog.
Luthers erste Reise zur Macht hatte ihm die Augen geöffnet.
Auf amazon sowie sonstigen Internet-Anbietern finden sich weitere Leseproben.