Anton Christian Glatz


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Leseprobe

Bücher > Ein Hund tritt in den Saal

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Schon am nächsten Tag um halb neun stand Agnes am Trödelmarkt in einem windschiefen, undichten Bretterverschlag. Hier also sollte sie vergraute Pullover, alte Postkarten, Me­daillen der Armee, Besteck und Trinkgefäße von anno dazumal und was der Kostbarkeiten mehr sind, feilhalten.
„Wie kommt man eigentlich dazu, sich mit solchem ... Zeug ... den Lebensunterhalt zu verdienen?“, fragte sie Paul provokant.
„Zuerst einmal möchte ich sagen, dass dieser Unterton absolut unpassend ist. Im­merhin sollten auch Sie Ihr weiteres Leben mit diesem ... Zeug ... finanzieren“, erwider­te Paul spöttisch grinsend. Agnes schluckte. Ach ja, du meine Güte ...
„Nun, Sie erinnern sich gewiss, wie vor fünf Jahren die Armee umstrukturiert wurde. Ach nein, Sie können das ja nicht wissen, Sie haben ja Ihr Gedächtnis verloren. Na gut, jedenfalls wurden wir Soldaten vor fünf Jahren praktisch alle durch Roboter ersetzt. War ich bis dahin angesehener Hauptmann einer Eliteeinheit der Infanterie, so war ich über Nacht arbeitslos ohne Aussicht auf nur irgendeinen Job. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nachdem ich mir monatelang erfolglos den Arsch für eine An­stellung in der Privatwirtschaft aufgerissen hatte, geschah es, dass einer meiner Freun­de starb. Seine Witwe bat mich, ihr zu helfen, seinen Nachlass zu ordnen und vor allem natür­lich, möglichst viel Geld daraus zu machen. Im Zuge dessen fand ich auf dem Dachbo­den eine Menge derartiger Trödelwaren, wie der Fachmann sagt. Bald schon kam mir die Idee, solche Gegenstände in dieser Form hier zu verkaufen. Ich mietete diesen Stand von der Stadtverwaltung und siehe da, es klappte.
Seither bin ich zur Stelle, wenn jemand stirbt, bei einer Übersiedlung oder wenn in­folge Scheidung einer auszieht und kaufe all das ein, was die Leute weghaben wollen. Da die meisten ohnehin froh sind, wenn sie die Sachen los sind, muss ich selten mehr als einen Pappenstiel bezahlen. Üblicherweise verkaufe ich die Waren hier um mindestens das Dreifache. Ja, Stroh zu Gold, Agnes. Stroh zu Gold ...“
Es folgte eine kleine Basiseinschulung in das Wesen des Verkaufes, jedenfalls so, wie Paul Wayden die Sache sah. Nach einigen ab­schließenden Instruktionen klopfte er Agnes jovial auf die Schulter und sagte: „Und von jetzt an gilt der Grundsatz: Seien Sie zu jedermann freundlich, es könnte immerhin unser nächster Kunde sein!“
Damit war Agnes alleine. Paul war fort, im Südviertel neue Waren einzukaufen, wie er gesagt hatte. Sollte etwas Wichtiges sein, einfach einen Zettel schreiben, er mel­de sich zurück oder über das Handy anrufen.
Nun hatte Agnes jede Menge Zeit sich genauer umzusehen. Links, rechts und ge­genüber waren ebensolche Stände entlang der Straße aufgereiht. Alles in allem mochte der Trödelmarkt vielleicht fünfzehn oder zwanzig derlei Verkaufsbuden vereint haben. Nur selten konnte Agnes irgendwelche Sortimentsschwerpunkte entdecken, wie Bücher und Zeitschriften bei dem Budenbesitzer ihr gegenüber oder Textilien beim Stand links ne­ben ihr.
Der Stand rechts von ihr wurde von einer dicken, schmuddeligen Frau betreut. Sie saß zusammengesunken in ihrem Gartenstuhl, hinter elektronischem Zubehör, duftenden Bergschuhen und vergleichbarem Müll. Teilnahmslos döste sie vor sich hin. Mit Schreck gewahrte Agnes eine schwarze Bartbehaarung, die in Alter-Hexen-Manier unkontrolliert über der Oberlippe wucherte. Unwillkürlich zog sich Agnes ein wenig zurück, damit nicht der Wind die Körperausdünstung dieser Frau in ihre Nase wehen würde.
Etwa dreißig Meter von Pauls Stand entfernt befand sich das Zentrum des Marktes, erkenntlich an der deutlich größeren Breite dieses Straßenabschnittes. Eine Imbissbude, ein verwahrloster Brunnen, der früher einmal so etwas wie ein Denkmal ge­wesen sein mochte und eine öffentliche Enko unter einem Dach aus Wellblech teilten sich die Mitte der Straße. Auf der Bank vor dem Brunnen lungerten etliche Obdachlose, Bier- und Wein­flaschen in der Hand.
Achtung, ihre Standnachbarin links, die mit den Textilien, hatte Kundschaft! Unauffällig hörte Agnes mit.
„Was soll der Pullover kosten?“, wollte die Kundin wissen, eine unscheinbare Frau, Ende vierzig. Sie zeigte auf ein Kleidungsstück, das Agnes bestenfalls einer Vogelscheuche zugemutet hätte.
„Fünf Drachmen“
Die Kundin überlegte einen Moment. Offensichtlich hätte sie das Kleidungsstück ger­ne gehabt, doch irgendetwas hielt sie davon ab, dieses zu kaufen. Unauffällig, so wie die Kundin meinte, drehte sie sich zur Seite und zählte ihr Geld. Als sie es ein zweites Mal tat, wurde Agnes klar, das Geld reichte nicht.
Nach einem Moment offensichtlich scharfen Überlegens sagte die Kundin schnippisch: „Also modisch ist der ja nun wirklich nicht mehr. Nichts für ungut, aber für ein dermaßen veraltetes Design möchte ich keine fünf Drachmen ausgeben. Nein, kommt nicht in Frage.“
„Mag schon sein“, verteidigte die Budenbesitzerin ihre Ware wie eine Löwin ihre Jun­gen, „aber sehen Sie doch einmal die Qualität! Der Pullover geht beim Waschen nicht ein, vorausgesetzt natürlich, Sie geben ihn zur Handwäsche wie alle besseren Stoffe. Ist ein tolles Stück und der Preis so gesehen eine absolute Okkasion.“
Mit Mühe unterdrückte Agnes einen aufkommenden Lachanfall. Da war also jemand, der wertlosen Müll um einen Pappenstiel loswerden wollte an jemanden, der nicht einmal über das bisschen Geld verfügte, den Müll aber gerne gehabt hätte. Das versprach heiter zu werden. Um nicht auffällig zu werden, wandte sie sich demonstrativ ab und machte sich eilig in ihrem Stand zu schaffen. In Wahrheit spitzte sie ihre Ohren, damit ihr kein Wort entginge.
Die Kundin konterte inzwischen: „Mag alles sein, trotzdem: Der Pullover bringt es einfach nicht. Aber wenn Sie mit vier Drachmen ein­verstanden sind, soll es mir recht sein.“
Aha, so lief also das Spielchen! Statt einzuräumen, dass einfach zu wenig Geld in der Tasche war, wurde der Wert der Ware heruntergespielt. Damit liegt es nicht mehr an einem selbst, sondern am Verhandlungsgegenstand. Interessant, wenn auch fremdartig ... Agnes wäre es nie in den Sinn gekommen, sich so zu verhalten. In diesem Moment fiel ihr Professor Ecker ein, der seinen Studenten auf der Uni unermüdlich eingeschärft hatte: „Jeder Markt hat seine eigenen Gesetze. Wenn Sie Erfolg haben möchten, müssen Sie diese eingehend studieren. Machen Sie um Himmels willen nicht den Fehler, von sich auf andere zu schließen.“
Ja, die Gesetze des Marktes studieren, das würde Agnes von nun an; und zwar aus­giebig. Die Prinzessin hatte keine Ahnung, wie lange sie hier verbleiben würde. Viel­leicht war der ganze Spuk morgen schon vorbei, möglicherweise musste sie den Rest ih­res Lebens hier verbringen. Egal, wie lange es sein würde, solange es ihr bestimmt war, in dieser miser­ablen Bretterbude stehen zu müssen, wollte sie es mit Erfolg tun ...
Außerdem hatte der Professor vor einem Außenpostensyndrom gewarnt. Nein, sie wollte sich dem nicht ausliefern. Immerhin war sie immer noch Prinzessin, auch wenn es außer ihr garantiert keiner wusste. Und eine Prinzessin lässt sich nicht unterkriegen. Nicht so leicht, wenigstens.

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