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Über mich
Schon in der Volksschule entwickelte ich eine heftige Neigung zum Lesen, wobei sich Karl May als Liebling herausstellte. Sehr bald wünschte ich mir zu allen Anlässen Bücher, Bücher, Bücher. Erhielt ich eines geschenkt, war das erste, was ich tat, das Buch auspacken und daran riechen. Selbst heute meine ich noch den unvergleichlichen Duft der Druckerschwärze in der Nase zu spüren! Dann das Klopfen mit den Fingerknöcheln auf den Einband, hören wie das Buch klingt, über seinen Einband streicheln ...
Ich langweilte mich beim Lesen in der Volksschule bald derart, dass mich mein Lehrer anwies, die Wartezeiten durch Rückwärtslesen zu überbrücken.
Meine Liebe zu Büchern blieb trotz eines ausgeprägt dogmatischen Bildungsbetriebes auch im Akademischen Gymnasium erhalten. Zu meiner Beschäftigung mit Belletristik entwickelte ich einen Hang zu populärwissenschaftlichen Sachbüchern und Philosophie. Mit 14 Jahren stürzte ich mich auf Nietzsche, Machiavelli („Der Fürst“) und Vergleichbares.
Wie viel verdanke ich doch meinem Deutschprofessor, einem älteren, sehr kultivierten Herrn. Väterlich-wohlwollend und mit viel Geduld führte er mich durch die Welt der deutschen Sprache. Lediglich meine unverbesserlichen Beistrichfehler hinderten ihn daran, meine Aufsatzbemühungen mit einem „sehr gut“ zu belohnen.
In der sechsten Klasse Gymnasium entschied ich, es sei wichtiger, Erfahrungen im Arbeitsleben zu sammeln, als mathe-matische Formeln zu büffeln, die ich nie wieder brauchen würde. Also trat ich 1972 eine Arbeit bei einer Bank an, die mir meine ersten eineinhalb Jahre Erfahrungen im Berufsleben bescherte.
In diese Zeit fallen auch meine ersten schriftstellerischen Gehversuche. Sie sollten sich für lange Jahre eher als ein Stolpern denn als Gehen herausstellen. Mein allererstes Elaborat war eine Allegorie auf die Wahrheit mit dem Titel „Verus, der Seltsame“. Ich experimentierte zeitgleich mit allen Gattungen.
Die strategische Option einer Offizierslaufbahn vor Augen meldete ich mich mit 17 Jahren freiwillig zum Bundesheer. 1973 trat ich meinen Dienst bei der Fliegerabwehr in Langenlebarn, 30 km vor Wien, an. Der ernüchternde Alltag in der Kaserne in Form eines rauen sozialen Klimas und eines sehr speziellen Kommunikationsniveaus belehrten mich binnen weniger Wochen, dass mein Weg durch das Leben nicht an eine militärische Laufbahn geknüpft sein würde.
Dazu gesellten sich zwei Schlüsselerlebnisse, die mich für je drei Tage Ordnungshaft in den Bau brachten. Ordnungshaft war damals die Standardbestrafung für Kavaliersdelikte. Bei mir war es das erste Mal ein nicht autorisierter Diensttausch. An einem Samstag Nachmittag bat mich der diensthabende „Korporal vom Tag“ seinen Dienst zu übernehmen. Seine Freundin habe angerufen, sie wolle sich das Leben nehmen und er müsse unbedingt zu ihr. Ich nahm die Dienstschnur und den Innenhelm, die Insignien des "Amtes", und wachte die Nacht über anstelle meines Kameraden. Wir wurden verpfiffen. Mit der Begründung, den Dienstweg nicht eingehalten zu haben, fasste ich drei Tage Bau aus.
Umgehend stellte ich mich in der Sanitätsabteilung zur Hafttauglichkeitsuntersuchung ein. Der Militärarzt war umgeben von einem ganzen Stab aus Sekundanten aller Dienstgrade. Ich fühlte mich, als stünde ich vor einem Inquisitionstribunal. Nachdem mich der Arzt eine Weile von oben bis unten gemustert hatte, fragte er: „Waren Sie gesund, als Sie das getan haben?“
„Äh ...“, kam meine verblüffte Antwort, „ich kann es zwar nicht beurteilen, aber nicht dass ich wüsste, dass mir was gefehlt hat.“
„Dann sind Sie jetzt auch gesund.“
Bumm, Stempel und Unterschrift unter das Protokoll der Untersuchung. So kam ich das erste Mal in den Bau und zu wertvollen Erkenntissen hinsichtlich meines Verbleibes beim österr. Heer.
Der Bau war kein anheimelnder Ort: roher Bretterboden, ein Tisch, kein Stuhl, kein Bett, durch die Stäbe ins Freie sehen konnte nur, wer sich auf den Tisch stellte. Zwei Bücher waren erlaubt, die Bibel und die „Allgemeine Dienst-vorschrift“ (ADV). Bücher!!! Aufgrund meiner weltanschaulichen Prädisposition begnügte ich mich mit der ADV. Casanova, der Graf von Monte Christo, Papillon und Tausende andere Helden der Literatur, sie hatten ebenfalls diese durch Stäbe unterbrochene Sicht ins Freie. Da fühlt man sich doch gleich in guter Gesellschaft.
Dennoch verbrachte ich insgesamt viereinhalb Jahre beim österreichischen Bundesheer, überwiegend in Form von sechs Einsätzen als UNO-Soldat in Ägypten, Syrien, Israel und Zypern. Die Abenteuerlust im Verein mit einem attraktiven Gehalt zogen mich magisch dort hin. Ich war der einzige der Soldaten, der mit einer Reiseschreibmaschine als Handgepäck das Flugzeug zum Einsatzort bestieg, eine Schuhschachtel mit Büchern im übrigen Gepäck. Denke ich an meine Urlaube in dieser Zeit zurück, taucht ein Café in Damaskus vor meinen Augen auf, meine tägliche Wasserpfeife, der Tschai und die Bücher meiner Lieblinge: Schopenhauer, Hölderlin usw.
Eines Tages tat ich in Zypern meinen Dienst, an der Pufferzone zwischen dem türkischen Teil im Norden und dem griechischen im Süden. Wir waren in Troulli, einem griechischen Dorf, stationiert und überwachten per Feldstecher das Niemandsland zwischen dem Dorf und den Hügeln im Norden, die vom türkischen Militär besetzt waren. Das Kommando führte Vizeleutnant Heschl. Den schätzte ich als Typ „weststeirischer Kürbisbauer“ ein, intellektuell einfach gestrickt, aber das Herz am rechten Fleck. Am südlichen Rand der Pufferzone lag ein Weinfeld, das einem der Griechen gehörte. Als die Trauben reif waren, betrat dieser mit zwei Helfern die Zone und begann mit der Ernte. War das Betreten der Zone jedem Zvilisten doch ausnahmslos streng verboten!
Prompt meldete unser Posten: „Die Türken marschieren die Hügel herunter!“
Mein Kommandant und ich sprangen sofort in unseren Haflinger und fuhren los. Haflinger war ein Kleinstgefährt, das für den Einsatz im gebirgigen Wald gebaut war. Es bot gerade zwei Leuten sowie hinten einer winzigen Ladefläche Platz und schaffte bei durchgetretenem Gaspedal 30 km/h. Mit diesem Hochgebirgstöfftöff „rasten“ wir der türkischen Gefechtsformation entgegen.
Es war ein eigenartiges Gefühl, 18 Soldaten mit Sturm- und Maschinengewehren im Anschlag, den Finger am Abzug, gegenüberzustehen. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung und wir wären in der Zeitung gestanden. Heschl schaffte es tatsächlich, den Truppführer über zwanzig Minuten in ein Gespräch zu verwickeln, während der türkische Offizier auf der Hügelkuppe tobte wie Rumpelstilzchen, seine Leute sollen endlich in Troulli einmarschieren.
Sie taten es nicht, denn nachdem sich die Adrenalinausschüttung wieder im Normalmaß eingependelt hatte, zogen sich die Türken zurück.
Von da an sah ich Heschl mit anderen Augen, desgleichen meine Bücher. Diese Begebenheit zeigte mir, angelesenes Bücherwissen ist nur die eine Seite der Medaille.
Zwischen meinen Auslandseinsätzen lagen Gelegenheitsarbeiten in Österreich und weitere literarische Bemühungen. 1979 erschien meine erste Veröffentlichung im Verlag Turmbund, Innsbruck, ein kleiner Gedichtband mit dem Titel „Ich singe ein Lied“. Die dreihundert Exemplare, die mir der Verlag zur Verfügung stellte, waren bald unter Freunden und Verwandten aufgeteilt, den Rest bunkerte ich in klassischer Bevorratungsmanier für magere Zeiten. Auf diese Weise war bald ausgesungen.
1980 hatte ich die Brüllerei auf dem Kasernenhof endgültig satt. Ich rüstete ab und suchte mir eine feste Anstellung als Büroangestellter in einer Handelsfirma. Hier profilierte ich mich mehr als Betriebsrat und Gewerkschafter, denn als Literat. In dieser Zeit holte ich eine Reihe beruflicher Qualifikationen nach, von der Lehrabschlussprüfung Bürokaufmann, Berufsreifeprüfung und anschließend 2 Jahre Jusstudium bis zur Marketing-Prüfung etc.
1982 trommelte die „Interessensgemeinschaft österreichischer Autoren“ zum 12. Schriftstellerkongresss nach Wien. Stars der Veranstaltung waren Hans Weigel und Erich Fried. Letzterer war extra für diesen Anlass aus seinem inzwischen längst freiwilligen Exil in London angereist.
Die beiden waren nicht nur die Stars, sie gaben sich auch so. Ich sehe die beiden heute noch umschwärt von einer Traube Schreiberlingen dem Mittagstisch zuschweben. Am dritten und letzten Tag war eine Plenarsitzung aller dreihundert Teil-nehmer angesagt. Die Sitzung wurde von Dr. Günther Nenning geleitet, einem hoch angesehenen Journalisten, Protagonist der grün-alternativen Szene und Flaggschiff der österreichischen Intellektuellen.
Heute noch sehe ich einen Literaten vor mir, der verzweifelt versuchte, an die Reihe zu kommen. Obwohl offiziell das Wort je nach Einlangen der Wortmeldung erteilt wurde, schaffte es der Arme die längste Zeit nicht, seine Meinung, oder was auch immer, abzugeben. Dauernd drängten sich Weigel und Fried vor. Als er es letztlich doch bis in die Mitte des Saales vor das Mikrofon schaffte, sagte er etwas, das Fried veranlasste, ihn vom Mikrofon wegzudrängen und wieder einmal seinerseits zu monologisieren. Hilfesuchend wandte sich der Kollege an Dr. Nenning, der die beiden Stars die ganze Zeit über mit wachsender Sorge beobachtet hatte. Der Vorsitzende ließ Fried widerspruchslos gewähren.
Bei der anschließenden Abstimmung über verschiedene Resolutionen, war eine dabei, die Regierung möge auch Österreicher im Ausland mit div. Förderungen bedenken. Eindeutig ein Blumenstrauß in Richtung Fried. Die Resolution wurde mit einer Gegenstimme angenommen; jawohl - es war meine.
In vielerlei Hinsicht, speziell betreffend des Persönlichkeitsprofiles von Schreiberlingen, ernüchtert verließ ich den Kongress. Nicht zuletzt fasste ich den Beschluss, unbeirrt meinen ganz persönlichen Weg zu gehen.
Weihnachten 1985 kam mein erster PC ins Haus. Er verfügte über geradezu lächerliche technische Fähigkeiten, hat aber dennoch meine literarische Organisation revolutioniert und meinem Output einen Quantensprung nach vorn verschafft. Begeistert von meinen neuen Möglichkeiten verbrachte ich meine Urlaube sowie Sonn- und Feiertage bis tief in die Nacht vor dem Computer beim Schreiben.
In der belletristischen Ecke meiner Bibliothek häuften sich die Franzosen: Artaud, Celine, Bataille, Camus, Robbe-Grillet, Genet, Breton und als transatlantische Würze Leonhard Cohen und Jack Kerouac. Mit Ausnahme von Gerhart Hauptmann zog es mich zu deutscher Belletristik überhaupt nicht.
Ein überschaubares Einkommen im Rücken gelang es mir, mehr als 4.000 Büchern anzuhäufen. Und dennoch habe ich mir so manches Buch vom Munde abgespart. Neigte sich der Monat dem Ende zu, stand ich des Öfteren vor der Wahl, entweder mittags eine Leberkäsesemmel zu essen oder ein Buch zu erwerben. Oft genug entschied ich mich für die bleibenden Werte.
Waren meine Interessen bislang literarisch, philosophisch und wissenschaftlich orientiert, entdeckte ich 1978 auch die Esoterik. Ich sehe heute noch den Rider-Waite-Tarot in der kleinen, ersten esoterischen Buchhandlung der Stadt liegen, der mir zum Tor in eine ganz neue Welt wurde. Von den irritierenden Bildern mit ihren geheimnisvollen Symbolen vor gelben Himmeln ging eine Faszination aus, die bis heute anhält. Meine Bibliothek quoll bald über von einschlägigen Werken und mittlerweile über hundert verschiedenen Tarotspielen.
Ich habe mich in weiteren Jahren von der Esoterik wegbewegt. Ein geradezu explodierender Boom an sektiererischen Lehren, die jedem Profilierungsneurotiker als Plattform dienten, ließ mich zusehends noble Zurückhaltung üben. Allerdings sind mir neben wertvollen, dauerhaften Erkenntnissen ein ungebrochenes Verhältnis zum Tarot sowie eine starke Affinität zum Zen-Buddhismus geblieben. Seither verstehe ich mich weltanschaulich als unerschütterlich freigeistig und atheistisch.
Im Laufe der 90er-Jahre fokussierte ich meinen literarischen Output auf Prosatexte, vorwiegend Belletristik in den Bereichen Fantasy und Sciencefiction, sowie Sachbücher. Im gleichen Maß wie sich meine experimentelle Phase dem Ende näherte, fand ich zu mir selbst. Seither lege ich großen Wert auf die narrativen Qualitäten meiner Texte. Ich sehe mich auch als Erzähler, allenfalls mit einem gewissen avantgardistischen Pfiff.
Inspiriert durch die Werke des nouveau roman, allen voran Alain Robbe-Grillets „Projekt für eine Revolution in New York“ begann ich den sog. "Transrealismus" zu kultivieren, meinen sehr persönlichen Umgang mit dem geschriebenen Wort. Allerdings reihte ich das Vorhaben, den Transrealismus formal-theoretisch zu finalisieren, 2008 auf der Prioritätenliste wieder in die Warteschleife ein.
Galt ich bisher als Inbegriff des Junggesellen bereicherte Anfang der 90er-Jahre das Leben meinen Weg mit Frau und Kinder. Dieses Ereignis hat mein Leben tiefgreifend verändert. Ich heiratete 1994 und übersiedelte mit meiner Familie in die Steiermark. Zwischen 1996 und 2007 führte ich zusammen mit meiner Frau ein Geschäft für Spielwaren und Bücher, die letzten beiden Jahre zusätzlich einen kleinen Verlag.
Durch Familie und Beruf war ich so gefordert, dass zwischen 1994 und 2002 die Literatur total in den Hintergrund rücken musste. Ich schrieb nicht ein einziges Wort! 2003 erlangte ich wieder den nötigen Freiraum, mich literarisch zu artikulieren. Da ich nunmehr über einen modernen Computer verfügte, war es notwendig, den Fundus an Texten in die neue Anlage zu übertragen. Bei dieser Gelegenheit sichtete ich kritisch meine diversen Elaborate. Das war ein ungemein ernüchterndes Erlebnis. Die vergangenen acht Jahre hatten aus mir einen anderen Menschen gemacht, die Texte waren stehengeblieben. Wer immer eigene literarische Arbeiten aus großer zeitlicher Distanz betrachtet hat, weiß, was ich fühlte. Wie froh war ich plötzlich, mit diesen Texten noch nicht an die Öffentlichkeit getreten zu sein. Ich sortierte kräftig aus und überarbeitete den Rest.
Ich war ein guter Freund meiner selbst und ließ mir einen massiven Schub an handwerklicher Ausbildung zukommen: Schreibseminare, Workshops, Teilnahme an Foren, literarische Stammtische, autarke Studien diverser Schreibratgeber usw. Wie schon Goethe gesagt hat: "Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg." All das hat meinen praktischen Umgang mit der Literatur revolutioniert und für Quantensprünge in meiner Schreibe gesorgt.
2007 zog ich mich aus dem Geschäft zurück. Seither lebe ich als freier Schriftsteller.
Es ist ein äußerst merkwürdiges Bedürfnis, die Menschheit mit den eigenen Büchern zu versorgen. Manche plagt dieses Verlangen, die meisten von uns nicht. Wer der Menschheit den größeren Gefallen erweist, sei ausdrücklich dahingestellt.
Es ist, als säßen wir Schreiberlinge am Ufer eines Flusses, aus dem wir mal ein Gedicht, mal eine Geschichte oder ein Theaterstück schöpften. Warum tun wir das? Ich weiß es nicht. Für mich ist schreiben so natürlich wie atmen, essen und schlafen. Es ist leichter für mich zu schreiben, als es nicht zu tun. Eines Tages wird dieses Leben zu Ende gehen und jemand anders wird an meinem Platz am Ufer dieses Flusses sitzen, denn die Geschichten enden nie. Und das ist ein beruhigender Gedanke.







